Kennzahlen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) gezielt steuern und wirkungsvoll einsetzen

Gesundheit in Unternehmen gewinnt zunehmend an Bedeutung. Immer mehr Unternehmen erkennen, dass gesunde und leistungsfähige Mitarbeitende einen strategischen Erfolgsfaktor darstellen, der langfristig Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit sichern kann. Das zeigt sich unter anderem in der wachsenden Zahl von Unternehmen in Deutschland, die nach eigenen Angaben Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung oder ein betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) umsetzen.
Fundierte Bedarfsanalyse für ein strategisches BGM
Einzelne Maßnahmen führen jedoch selten zum gewünschten Erfolg. Für ein wirksames und nachhaltiges BGM braucht es eine fundierte Bedarfsanalyse, die der Maßnahmenplanung und -umsetzung vorausgeht. Dafür stehen unterschiedliche Instrumente, wie Mitarbeitendenbefragungen, Experteninterviews und/ oder HR-Kennzahlen zur Verfügung. Im Hinblick auf Maßnahmen im Bereich mentale Gesundheit kann auch die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen (GBU Psych) eine systematische Herangehensweise für die Analyse von Gefährdungspotenzialen darstellen. Entscheidend ist in jedem Fall zu Beginn eine klare Definition der Grobziele und Beweggründe. Die Mitglieder*innen des jeweiligen Arbeitskreises Gesundheit sollten ein gemeinsames Verständnis sowie ein klares Commitment für die Gesundheitsförderung im Unternehmen entwickeln und ihre Beweggründe für die Belegschaft transparent formulieren.
Hohe Fehlzeiten sind oft nur die Spitze des Eisbergs
In der Praxis beobachten wir häufig einen anlassbezogenen Beweggrund, etwa durch steigende Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) im Unternehmen.
Steigende Krankheitstage können tatsächlich ein Symptom veränderter Belastungsfaktoren im Betrieb sein und damit einen wichtigen ersten Hinweis liefern. Eine ausschließliche Fokussierung auf AU-Tage als Kennzahl ist jedoch kritisch zu betrachten, da sie von einer Vielzahl unterschiedlicher Einflussgrößen geprägt wird. Eine eindeutige Rückführung auf einzelne Belastungsfaktoren ist nur eingeschränkt möglich. Hinzu kommt, dass Krankheitstage in der Regel zeitlich verzögert auftreten und damit den sogenannten Spätindikatoren zuzuordnen sind (vgl. Treiber-Indikatoren-Modell)

Die richtigen Kennzahlen gezielt auswählen
Zielführender ist es, zusätzlich die zugrunde liegenden Belastungsfaktoren in den Blick zu nehmen – etwa Aspekte der Arbeitsaufgabe, der Arbeitsorganisation, der sozialen Beziehungen sowie der Arbeitsumgebung. Ergänzend sollten Frühindikatoren berücksichtigt werden, die Veränderungen in diesen Bereichen früher abbilden, wie beispielsweise das Arbeitsengagement der Mitarbeitenden oder die aktuelle empfundene Stressbelastung. Diese Variablen unterliegen in der Regel dynamischeren Schwankungen als Krankheitstage und reagieren entsprechend weniger zeitverzögert.
In vielen Unternehmen werden solche Indikatoren ohnehin im Rahmen von Mitarbeitendenbefragungen erhoben. Entscheidend ist hierbei eine ganzheitliche Betrachtung, die valide Zusammenhänge zwischen Belastungsfaktoren und Frühindikatoren systematisch berücksichtigt.
Kennzahlen als Steuerungs- und Frühwarnsystem
Welche Kennzahlen im Einzelnen erhoben werden sollten, ist stets unternehmens- und situationsspezifisch zu entscheiden. Im Idealfall werden verschiedene Einflussgrößen gemeinsam betrachtet und systematisch in Beziehung gesetzt. Auf diese Weise lassen sich Zusammenhänge nachvollziehbar darstellen.
Ein solches Kennzahlensystem kann nicht nur die Wirksamkeit von Maßnahmen sichtbar machen und BGM-Ziele messbar unterstützen, sondern auch als Frühwarnsystem dienen, das frühzeitig auf Veränderungen hinweist und die Ableitung geeigneter Maßnahmen ermöglicht. Dabei spielt die Regelmäßigkeit bzw. Kontinuität der Datenerhebung eine zentrale Rolle: Nur so lassen sich Trends und Entwicklungen valide abbilden.
Tipps für den Einstieg ins BGM
Die vielfältigen Zusammenhänge und sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren können auf den ersten Blick durchaus komplex und herausfordernd wirken. Daher stellt sich häufig die Frage: Wo und mit welchen Kennzahlen sollte ich beginnen, wenn ein strategisches BGM aufgebaut und passgenaue Maßnahmen abgeleitet werden sollen?
In vielen Unternehmen und insbesondere in der Personalabteilung liegen zunächst vor allem Spätindikatoren wie Fluktuation oder AU-Tage vor. Diese können – sofern verfügbar – sehr gut genutzt und in einen übergeordneten Gesamtkontext eingeordnet werden. Darüber hinaus empfehlen wir jedoch, zusätzliche unternehmensspezifische Daten heranzuziehen, insbesondere Frühindikatoren, die teilweise bereits vorhanden sind (z. B. Ergebnisse aus Mitarbeiterbefragungen zum Engagement), und diese gezielt um weitere Frühindikatoren sowie relevante Belastungsfaktoren zu ergänzen.
Gibt es beispielsweise aktuelle Daten aus Gefährdungsbeurteilungen, auf die Sie zurückgreifen können? Welche relevanten Kennzahlen fehlen Ihnen möglicherweise noch in Bezug auf Ihre Zielsetzung und Fragestellung?
Arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zu zentralen Belastungsfaktoren und Wirkzusammenhängen finden sich unter anderem in wissenschaftlichen Zusammenfassungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA).
Grundsätzlich empfiehlt es sich, unterschiedliche Datenquellen und Datentypen zu kombinieren – sowohl quantitative („harte“) als auch qualitative („weiche“) Daten aus befragungsbasierten und nicht befragungsbasierten Verfahren. Begleitend sollte stets reflektiert werden, welche Ergebnisse für welche Zielgruppen im Unternehmen relevant sind und wie diese zielgerichtet kommuniziert werden können, um Transparenz zu schaffen und die Motivation zur Beteiligung zu stärken.










